Norbert Hummelt: Gruß an Woppenroth

Ich erinnere mich, es war ein warmer Sommertag Anfang Juli 2001, der Herr von der Landeszentrale für Umweltaufklärung holte mich in Mainz am Bahnhof ab, ein Herr namens Heil. In seinem Pkw fuhr er mich über die B 50 in das Dorf am Lützelsoon, wo ich nun ein paar Wochen bleiben und schreiben sollte, ein Dorf, das ich nicht kannte, ich kannte Schabbach aus dem Film, ich kannte viele Dörfer im Hunsrück, in kenne die Ehrbachklamm seit meiner Kindheit, aber Woppenroth kannte ich noch nicht. Ich erinnere mich, wie wir nach meiner Ankunft in der Gaststätte Molz am Tisch saßen, Rudi Molz und Herr Heil sprachen über etwasdas ich längst vergessen habeaber noch immer sehe ich Rudi Molz vor mir, wie er den Kopf schüttelt, abwägend die Hand bewegt und sagt: „‘s gibt kei Baum, wo kei Schadde hat.“ Diesen Satznotierte ich in mein Notizbuch. Daß ich in Woppenroth richtig war, daß ich dort schreiben konnte und es ein unvergeßlicher Sommer werden würdespürte ich schon am ersten Abend. Ich war ungeduldig, sofort in die Natur zu kommen, wie Städter so sind, wenn sie freigelassen werden, ich ging von der Ortsmitte durch die Gärten auf die alte Eiche zu und weiter abwärts, dem Hahnenbachtal entgegen. Ich sang auf dem Weg, ich war hier glücklich, sofort. Das Hahnenbachtal war wie die Ehrbachklamm, ich war wieder in meiner Kindheit. Am Waldrand fand ich eine große Vogelfeder, die aufrecht in einer Wiese stak und mich an das Schwert Excalibur des König Artus erinnerte. Ich stieg weit hinab, es war schwül, ich verlief mich, stieg in der Nähe der Hellkirch wieder herauf. In der ersten Nacht meines Aufenthalts brach ein gewaltiges Gewitter los. Am Morgen hatte es sich wieder verzogen, und ich sehe wieder, wie Rudi Molz über den Hof geht, ich bin auf dem Balkon der Gästewohnung, er hebt den Kopf, er hebt die Hand und sagt: „Ist abgekühlt, ist abgekühlt… Heut wird’s wieder schwül.“ Und er geht in den Stall, wo der Bulle steht, der bald zum Schlachter muß, ich sehe die Rauchschwalben schwirren. Ich erinnere mich, wie ich zum ersten Mal Werner Will begegne, dem Bürgermeister. Es ist wieder in der Gaststube Molz, und Herr Will fragt nach meinem Schreiben, das mich hierhergebracht hat, mein neuer Gedichtband liegt auf dem Tisch, er schlägt ihn auf und liest eines der Gedichte vom Blatt weg, er betont die Verse ganz genau richtig, als hätte er nie etwas anderes getan. Ich erinnere mich, wie ich eines Abends mit Marga und Rudi Molz im Wohnzimmer sitze und wir den Film „Geschichten aus den Hunsrückdörfern“ sehen. Darin ist, wenn ich mich recht erinnere, der alte Herr Molz zu sehen, wie er auf seine alten Tage in den Moselort gefahren wird, aus dem er stammt, und die Leute kommen ans Auto und sprechen mit ihm, weil er nicht mehr aussteigen kann. So etwas greift mir ans Herz, denn wohin auch immer mich mein Leben noch verschlagen wird, es gibt kein Dorf, in das ich zurückkehren kann und die Menschen werden nicht herbeiströmen, um mich noch einmal am Autofenster zu grüßen. Es gibt aber zwei Dörfer, in denen ich mit dem Herzen zu Hause bin, beide liegen im Hunsrück, das eine ist Mermuth, das andere ist Woppenroth. Es hat seinen Sinn, daß der Film „Heimat“ genau hier gedreht worden ist. Ich erinnere mich, wie Werner Will mich am Telefon zu fragen pflege, „Ei, wann komme Sie dann mal wieder nach Deutschland?“ Er meinte natürlich, wann ich wieder im Hunsrück sein werde, und in Woppenroth. Erst kürzlich, im April, bin ich wieder im Hunsrück gewesen, mit meiner Tochter. Wir wohnten in der Baunhöller Mühle im Ehrbachtal, und an einem der Tage kamen wir auch durch Woppenroth. Wir waren im Hahnenbachtal, bei der Schmidtburg und im Fossilienmuseum. Da wir Woppenroth um die Mittagszeit passierten, haben wir nicht geklingelt, aber wir waren an der alten Eiche und auf dem Friedhof bei den Gräbern von Rudi Molz und Werner Will. Heute beglückwünsche ich die Gemeinde Woppenroth zum 750jährigen Jubiläum undwünsche allen Woppenrothern so viel Glück, wie ich in Ihrem Dorf erlebt habe, ich grüße besonders Frau Will und Marga Molz mit Familie und alle, die mich in Woppenroth noch kennen. Ich verspreche, ich werde wiederkommen.

Norbert Hummelt, Berlin, im Mai 2019

Das Urheberrecht liegt bei Norbert Hummelt, geb. 1962, Schriftsteller, Berlin

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